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Freitag 23.06.2017


Lesung mit Deborah Feldman

Eine Geschichte, die sich erzählen lassen wird

Deborah Feldman
Deborah Feldman, Foto: Mathias Bothor
Es ist ein schönes Verb, das noch im 19. Jahrhundert gebräuchlich war, mit dem Deborah Feldman ihr soeben neu erschienenes Buch überschrieben hat: „Überbitten“ (Secession Verlag). Im Jiddischen heißt das „Iberbetn“ und bedeutet Versöhnen. Es ist ein innerer Prozess, der in ihrem Buch auf mehreren Ebenen greift und getragen wird von dem machtvollen Impuls der Hoffnung und Sehnsucht, ein neues Leben zu finden. In der Buchhandlung Lüders stellt Deborah Feldman „Überbitten“ vor.

Bei den ultraorthodoxen Satmarer Chassidim, in deren Gemeinde die 1986 in New York geborene Schriftstellerin hineingeboren wurde, ist das Iberbetn ein alltägliches Ritual: Zwei Menschen bitten einander um Verzeihung mit der gegenseitigen Verpflichtung, sich zu versöhnen. Doch die Satmarer Chassidim glauben auch, dass die Shoah eine Strafe für das allzu weltliche Leben der Juden war und führen ein streng reglementiertes und von allen äußeren Einflüssen abgeschirmtes Leben, um Gottes Zorn zu versöhnen. Ehen werden in dieser strengen Welt arrangiert, Sexualität ist ein Tabu, im Alltag wird Jiddisch gesprochen, Englisch gilt als unreine Sprache. Nach Schätzungen zählt die Gemeinde heute 120.000 Mitglieder, sie gewährt ein Netz an Sicherheiten und keinerlei Freiheit.

Vor sieben Jahren ist Deborah Feldman mit ihrem kleinen Sohn aus dieser Enge und einer lieblosen Ehe ausgebrochen. In ihrem Buch „Unorthodox“ (2012), das in den USA zu einem Millionen-Bestseller wurde und auch in Deutschland in den Bestsellerlisten stand, erzählt sie ehrlich, analytisch klug und dabei literarisch höchst anspruchsvoll von ihrer Kindheit und Jugend und ihrer Befreiung von den Fesseln des religiösen Fundamentalismus. „Überbitten“ beschreibt nun den inneren Prozess der Versöhnung jener Person, die Deborah Feldman als Mädchen und Jugendliche war, mit jener, die sich ein eigenes Leben erobert und dafür den Sprung ins Ungewisse wagen muss.

In den ersten Jahren ihrer Abnabelung lebt sie mit ihrem Sohn in New York, doch immer häufiger zieht es sie nach Europa. Auf den Spuren ihrer Vorfahren reist sie nach Paris, Spanien und Ungarn, wo ihre Großmutter einmal zu Hause war, die Auschwitz und das Konzentrationslager Bergen-Belsen überlebte. Deutschland ist die „unvermeidbar letzte Station“ auf ihrer Reise. Gleich nach ihrer Ankunft lernt sie einen „echten Deutschen“ kennen, er heißt Markus und ist „hundertprozentig authentisch, Nachkomme von Nazis“. Mit dieser Begegnung ist nicht nur eine große Auseinandersetzung in Gang gesetzt, Deborah Feldman findet in ihr auch einen Zugang zu einem Land, das ihr bei den Satmarer Chassidim als Inbegriff des Bösen erschienen war.

Am Ende ist es eine Stadt, in die sie sich verliebt: Berlin. Seit 2014 lebt Deborah Feldman dort, und sie hat einen langen Kampf um die deutsche Staatsbürgerschaft ausgefochten. Die „einzelnen Fäden“ haben sich gefügt – für eine Geschichte, die sich erzählen lassen wird. Ihr Buch „Überbitten“ ist ein Anfang für diese Geschichte, eine große Etüde, die das Unmögliche überwindet.

Lüders Buchhandlung + Antiquariat, Heußweg 33, 20.00 Uhr