Dienstag 14.11.2017


Heimat-Show

„Grünkohl und Curry“




Es gibt sie als Wort in Verbindung mit der Scholle und dem Land, dem Dorf und der Stadt, dem Recht und dem Boden, dem Stolz und dem Schutz, der Liebe, dem Film, dem Roman. Und in Bayern, wo man ein besonders inniges Verhältnis zur Heimat pflegt, gibt es sogar einen Heimatminister, der für „Landesentwicklung und Breitbandausbau“ zuständig ist. In keiner anderen Sprache ist Heimat mit so viel Sinn aufgeladen wie im Deutschen, und es boomt weiter ungebrochen, was immer sich rund um Heimat und Herkunft schart. Auch in der deutschen Gegenwartsliteratur werden zentrale gesellschaftliche Probleme seit Jahren bevorzugt in Provinz- und Dorfromanen durchbuchstabiert. Bei einer „Heimat-Show“ im Literaturhaus stellen Katrin Seddig, Henning Ahrens und Alina Herbing ihre Dorfromane vor; der Journalist und Autor Hasnain Kazim spricht über „Grünkohl und Curry“. Moderation: Christoph Bungartz.

„Wir lieben dieses Land. Das ist unsere Heimat. Diese Heimat spaltet man nicht. Für diese Heimat werden wir kämpfen.“ Die Grünen-Fraktionschefin Katrin Göring-Eckardt hat sich mit ihrem patriotischen Bekenntnis zur Heimat kurz nach den Bundestagswahlen viel Widerspruch aus der eigenen Partei eingehandelt, befindet sich aber in bester Gesellschaft. Ob Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier oder einfache Abgeordnete aller Fraktionen, übereifrig wird in der Politik die „Sehnsucht nach Heimat“ beschworen, nach Verortung, nach Geborgenheit und Vertrautheit. Trachten-, Schützen- und Heimatvereine, Dialekte, Waldblütenhonig und Omas Pflaumenkuchen, all das formiert sich derzeit zu einer großen Anrufung von Heimatverbundenheit und Verwurzelung und ist doch nur eine Inszenierung, die vor allem von Großstädtern „gelikt“ wird.

Wie es hinter der Kulisse aussieht, erfährt man bei einer „Heimat-Show“ mit Dorfgeschichten im Literaturhaus: Für die Heldin von „Niemand ist bei den Kälbern“, dem „hintergründigen Anti-Landlust-Roman“ (SZ) von Alina Herbing, geht es um die Frage, wie sie den Absprung aus dem kleinen Dorf Schattin in Nordwestmecklenburg schafft. Auch in „Das Dorf“ (Rowohlt Berlin), dem neuen Roman von Katrin Seddig, plant die junge Heldin „in die großen Städte zu gehen, in fremde Länder“, obwohl sie vorher noch eine Weile „in den Himmel gucken und die Mücken tanzen sehen, die Pappeln rauschen hören“ will. Katrin Seddig erzählt so wundervoll ironisch und sinnlich von der kleinen Dorfwelt, dass man die dunklen Abgründe aus Ausbeutung, Gier und Sex, in die ihre Bewohner verstrickt sind, fast schon als Normalmodus idyllischen Landlebens und ihrer kulturellen Auswüchse hinnimmt. Mit Henning Ahrens und seinem in der Literaturkritik hymnisch gefeierten Roman „Glanz und Gloria“ geraten wir mit Rock Oldekop schließlich in ein niedersächsisches Provinznest. Auf der Suche nach Herkunft und Identität schickt Ahrens den Landrückkehrer in einen wahnwitzigen, dunkeldeutschen Albtraum. Eine ganz andere Perspektive auf das Landleben hat der SPIEGEL-Journalist Hasnain Niels Kazim. Der 1974 in Oldenburg geborene Sohn pakistanisch-indischer Eltern ist in Hollen-Twielenfleth im Alten Land aufgewachsen. Zur „Heimat-Show“ erzählt er von „Grünkohl und Curry“.

„Kulturjournal“, NDR Fernsehen, NDR Kultur und Bücherhallen Hamburg im Literaturhaus, Schwanenwik 38, 19.30 Uhr, 10.- Euro.