Sonntag 24.06.2018


Lesung mit Dana Grigorcea

Eine ganz unmögliche Liebe

Dana Grigorcea
Dana Grigorcea, Foto: Ayse Yavas
Es ist alles zum Besten eingerichtet an diesem wunderschönen Frühlingstag: Der Himmel strahlend blau, Boote mit weißen Segeln drehen ihre Runden auf dem See, ein Schwan treibt vorüber, während »beschwingte Menschen zufrieden miteinander plaudern«. In dieser Postkartenkulisse am Zürichsee sitzt Anna in einem Café mit ihrem Hündchen, das ihr in Algerien zugelaufen ist, eine Promenandenmischung, wie sie dem fremden Mann am Nebentisch erklärt, der versucht hat, das Hündchen mit Keksen anzulocken. Mit dieser literarischen Schlüsselszene beginnt die meisterhafte neue Novelle »Die Dame mit dem maghrebinischen Hündchen« (Dörlemann Verlag) der schweizerisch-rumänischen Schriftstellerin Dana Grigorcea.

Eine berühmte Erzählung von Anton Tschechov, »Die Dame mit dem Hündchen«, erschienen 1899, erzählt von der Affäre eines notorischen Frauenhelden mit einer jüngeren, verheirateten Frau. Es ist ein Hündchen, durch das die Petersburgerin Anna und der Moskauer Bankangestellte Dmitri Dmitritsch Gurow sich kennenlernen. In Dana Grigorceas Novelle, die immer wieder auf das literarische Vorbild anspielt, ist das unter den veränderten Vorzeichen unserer Zeit ganz genauso. Anna ist eine selbstbewusste Ballerina, die inzwischen nur noch Nebenrollen tanzt, verheiratet mit einem Arzt, der sie verehrt, und eine so reflektierte wie empfindsame Frau, die einiges Geschick darin entwickelt hat, ihren wechselnden Liebhabern in »teurer Erinnerung« zu bleiben. So soll das auch bei dem sehr viel jüngeren, ebenfalls verheirateten Gürkan bleiben, der im Kanton Aargau lebt und für ein Gartencenter das Zürichseeufer begrünt. Als er all seine Stiefmütterchen und Vergissmeinnicht gepflanzt hat, enden die gemeinsamen Cafébesuche, die Ausflüge und auch die Affäre mit Anna, obwohl Gürkan ihr »fahl im Gesicht« seine unbedingte Liebe versichert. Für Anna beginnt nach dieser Affäre ein langer Sommer, sie gibt ein Fest für Freunde, reist nach Venedig, nach München und gesteht endlich einer Freundin: »Es gibt da einen Mann, an den ich immerfort denken muss.« Die Freundin schweigt, und Anna ist plötzlich sehr klar, dass sie sich mit Gürkan »genieren würde«, weil seine Herkunft unweigerlich Gesprächsthema wäre. Umso drängender wird ihre Sehnsucht. Im Herbst ist sie dann so groß, dass sie sich auf die Suche nach dem Geliebten macht.
Dana Grigorcea beobachtet das ungleiche Paar ohne ironische Distanz, mit einer sehr eigenen Sprache und einem sicherem Gespür für die luftigen Zwischenräume, in denen sich diese Liebe jenseits aller gesellschaftlichen Konventionen einzurichten hat. Anna erklärt ihrem Gürkan gleich zu Beginn, dass nichts Böses dabei sei, seinen Wünschen und Sehnsüchten zu folgen. »Die Freiheit, sagt sie etwas leiser, befinde sich zwischen den Tanzschritten. Dort ende die Macht des Choreographen.«

Literaturhaus im Hotel Wedina, Gurlittstr. 23, 17.00 Uhr, € 6,–