Donnerstag 18.10.2018


Lesung mit Inger-Maria Mahlke

Amor seco, trockene Liebe

Inger-Maria Mahlke
Inger-Maria Mahlke, Foto: Dagmar Morath
Schon mit ihrem Romandebüt »Silberfischchen« (2010) wurde Inger-Maria Mahlke in der Literaturkritik gefeiert und in Hamburg mit dem zum ersten Mal vergebenen Klaus-Michael-Kühne-Preis des Harbour Front Literaturfestivals ausgezeichnet. Heute ist sie eine der renommiertesten jungen Autorinnen des Landes, in Klagenfurt erhielt sie 2014 für einen Auszug aus ihrem Roman »Rechnung offen« (2012) den Ernst-Willner-Preis, Burkhard Spinnen schwärmte in einer euphorischen Laudatio von einer Literatur mit der »Intention aufs Ganze zu gehen«. Zum Auftakt der Frankfurter Buchmesse wurde sie nun für ihren neuen Roman »Archipel« (Rowohlt Verlag) mit dem Deutschen Buchpreis 2018 ausgezeichnet. Schauplatz ist die Peripherie des Kontinents, die Insel des ewigen Frühlings: Teneriffa.

Bei ihrer Rückkehr nach Teneriffa im Juli 2015 steht Rosa zuerst ratlos am Flughafen. Ihre Mutter Ana, eine vielbeschäftigte Politikerin, wird sie auf dem Handy sowieso nicht erreichen, und ihr Vater Felipe sitzt um 14.00 Uhr schon betrunken in seinem Privatclub. Mit dem Taxi will sie aber auch nicht nach Hause fahren. Damit geht es los, und als Felipe, den sie schließlich anruft, ihr dann zuerst ein »Morituri te salutant« entgegen knallt, ahnt man schon, wohin die Reise geht. Felipe Bernadotte, »der letzte Konquistador«, ist der Nachfahre einer alten Familie, der nach einer hoffnungsvollen Universitäts-Karriere als Historiker an »der schändlichen Rolle der Bernadottes« von der »Conquista bis zum Faschismus« zerbrochen ist. Rosa hatte immer schon den Wunsch, Kunst zu studieren, doch damit ist sie in Madrid einfach nicht mehr weiterkommen. Jetzt ist sie auf der Suche und weiß noch nicht einmal so genau, wonach. Für einen Moment sieht es so aus, als könnte sie es im Altenheim von La Laguna finden, wo Julio, ihr Großvater mütterlicherseits, mit über neunzig Jahren als Pförtner arbeitet. Doch dann überstürzen sich die Ereignisse: Gegen Rosas Mutter wird nach dem Tod eines Kollegen ermittelt, und Rosa geht es mit ihrer Familie, wie mit dem Amor seco, der »trockenen Liebe« im Garten. Solange die unscheinbare Blume blüht, ist sie harmlos, doch ihre dunklen Samen wird man, wenn sie sich einmal in der Kleidung verhakt haben, nicht wieder los. Anhand der Familiengeschichte fächert Inger-Maria Mahlke ein ganzes Jahrhundert der Umbrüche und Verwerfungen auf. Es ist Julios Jahrhundert, das der Bautes und Bernadottes, der Moores und González‘ – Familiennamen aus ganz Europa. Aber da sind auch jene, die keine Namen haben: Die Frau etwa, die für alle nur »die Katze« war: unverheiratete Mutter, Köchin, Tomatenpackerin – und irgendwann verschwunden. Denn manchmal bestimmen Willkür, Laune, Zufall oder ganz schlicht die Dramaturgie einer mitreißenden Erzählerin darüber, was geht, was bleibt und was kommt.

Buchhandlung Boysen + Mauke, Große Johannisstr. 19, 19.30 Uhr, € 12,–/8,–
Anmeldungen per E-Mail an Anja Wenzel »