Sonntag 15.12.2019


Lesung mit Karen Köhler

Alles ist da und alles ist anders

Foto: Karen Köhler, Christian Rothe
»Miroloi«, das ist die Bezeichnung für ein in der Tradition der griechisch-orthodoxen Kirche gedichtetes und gesungenes Totenlied über das Schicksal eines Verstorbenen. In 128 Strophen erzählt die Hamburger Schriftstellerin, Dramatikerin und Schauspielerin Karen Köhler in ihrem neuen Roman so ein »Miroloi« (Hanser Verlag) und katapultiert uns mit ihm mitten hinein in das patriarchale Herrschaftssystem einer auf den ersten Blick sehr fernen, sehr fremden und archaischen Welt gleich nebenan. Im Ledigenheim stellt Karen Köhler ihren Roman vor.

Man nennt sie »Dievondrüben«, »Erntevernichterin« oder gleich »Eselstochter«, und wann immer das Dorf von einem Unglück heimgesucht wird, ist sie es, der man die Schuld daran gibt. Aufgewachsen ist sie beim »Bethaus-Vater«, der sie in einem Bananenkarton gefunden und gegen alle Widerstände des Dorfes bei sich behalten, ihr aber keinen Namen gegeben hat, weil das die Gesetze verbieten. »Meinmächen« nennt er auch noch die Sechzehnjährige, die einen richtigen Namen haben, Lesen und Schreiben lernen möchte, obwohl es die heiligen Gesetze verbieten. Nach und nach entsteht durch die kurzen Strophen, in denen dieses Mädchen in »Miroloi« vom Leben in dem Dorf auf einer entlegenen griechischen Insel erzählt, das Bild einer abgeschirmten, patriarchalen Gemeinschaft, die völlig aus der Zeit gefallen zu sein scheint.

Es gibt einen Müller, einen Tischler, einen Töpfer und einen Weber, es gibt einen einäugigen Imker, Hirten, einen Einsiedler und die Betmänner, die mit ihren Schülern in einer Einsiedelei in der Nähe leben. Ab und zu kommt ein Schiff mit einem Händler vorbei, der im Tausch gegen Olivenöl und Schnaps anbietet, was das Dorf selbst nicht erzeugt: Kaffee, Zucker, Bananen, aber auch Brillen und künstliche Gebisse für die Alten, Schuhe, Tinte, Papier und Töpfe. Vieles ist es nicht, das der Ältestenrat, der die Gesetze macht, passieren lässt, die Stromversorgung, die ein Beamter eines Tages ankündigt, wird einstimmig abgelehnt, obwohl die Frauen durchaus aufmerken als sie von Geräten hören, die Wäsche waschen und einem Ofen, der mit Strom funktioniert. Hätten sie da nicht viel mehr Zeit, um im Schatten zu sitzen, Schnaps zu trinken und die Betperlen zu zählen, so wie es die Männer tun? Am Ende werden sie in die Schranken gewiesen: »Euer Platz ist da, wo er ist: im Haus, im Garten und auf dem Feld. So war es immer und so wird es bleiben«. Die Religion dient mit ihren Regeln und Vorschriften vor allem der Unterdrückung der Frauen, denen weder Bildung noch Mitbestimmungsrechte zugestanden werden. Gewalt und sexueller Missbrauch der Frauen sind alltäglich und werden stillschweigend geduldet. Als der »Bethaus-Vater« sich dann doch dazu überreden lässt, sie zu unterrichten, ist es für sein Mädchen nur der erste Akt der Befreiung aus einer Welt, in der so eine »nicht vorgesehen« ist.

Es sei ihr mit ihrem Roman wichtig gewesen, auf diese Welt und ihre Missstände zu reagieren, hat Karen Köhler in einem Podcast zum Erscheinen gesagt, und das ist ihr mit »Miroloi« ganz wunderbar gelungen. Der Roman spielt zwar auf einer fernen Insel und in einer für uns fernen Zeit, doch die Strukturen, denen ihre Heldin ausgesetzt ist, sind für viele Frauen noch immer alltäglich. Bis heute sind die großen politischen Fragen verknüpft mit Fragen der Geschlechtergerechtigkeit, es geht um Bildung, Gesundheit und um den Schutz vor sexuellen Übergriffen. Um all das geht es auch in »Miroloi«. Karen Köhlers Roman ist zum »Erkennen da«, öffnet aber auch ein poetisches Fenster zu einer Welt gleich nebenan, er ist Emanzipationsgeschichte und gleichzeitig verspieltes Sprachtheater, das von der Lust am Erzählen lebt. Ein großartiger Roman.

Ros e.V. im Ledigenheim, Rehhoffstr. 1–3, 18.00 Uhr, Eintritt frei, Spenden erwünscht.





Literatur in Hamburg