Montag 24.11.2025


Nordische Literaturtage 2025

Sehen, sich erinnern, verstehen

Linn Ullmann
Linn Ullmann, Foto: Kristin_Svanæs-Soot
Es ist ein kleines Gipfeltreffen skandinavischer Literatur, zu dem im Zweijahres-Rhythmus bei den Nordischen Literaturtagen im Hamburger Literaturhaus Autor:innen aus Dänemark, Finnland, Island, Norwegen und Schweden zusammenkommen. Das von Carolin Löher kuratierte Festival präsentiert einen so aktuellen wie hochkarätigen Querschnitt der Literatur aus dem Norden, wobei in diesem Jahr ein Schwerpunkt auf weiblicher Sozialisation und Selbstermächtigung in patriarchalen Strukturen liegt. Zum Auftakt stellt Linn Ullmann ihren neuen Roman »Mädchen, 1983« vor (Luchterhand). Es ist nicht der einzige Text, bei dem ein Mädchen zwischen Kind und Frausein im Zentrum steht.

Das Verschweigen, das Vergessen und die inneren und äußeren Dynamiken, die sie als versteckte oder offene Erinnerungen auslösen, spielen in den Romanen von Linn Ullmann (24.11., 19.30 Uhr) eine zentrale Rolle. In ihrem zuletzt erschienenen Buch »Die Unruhigen« erinnert sie sich an ihre Kindheit und ihre Eltern, die Schauspielerin Liv Ullmann und den berühmten Film- und Theaterregisseur Ingmar Bergman. Das Mädchen, von dem sie in ihrem neuen Roman erzählt, ist mit 16 Jahren alt genug, um zu behaupten, dass es allein von New York nach Paris reisen und dort Fotos von sich machen lassen kann. In einem blauen Mantel und mit einer roten Mütze irrt es dann nachts auf der Suche nach ihrem Hotel in Paris durch die Straßen. Auf einem Zettel hat es die Adresse eines dreißig Jahre älteren, berühmten Fotografen notiert, der es mit dem Versprechen lockte, es für die französische »Vogue« zu fotografieren. Das Mädchen heißt Karin Beate Ullmann, die Linn gerufen wird, und landet in der Wohnung und im Bett des Fotografen.

Fast vierzig Jahre später versucht die Schriftstellerin Linn Ullmann das Mädchen, das sie damals war und die Frau, die sie heute ist, »in einem Körper zu sammeln« und sich daran zu erinnern, was geschehen ist. Es ist eine Ermittlung in einer Lebenskrise und eine Selbstermächtigung in drei Teilen, benannt in den leitmotivischen Farben blau, rot und weiß, bei der in immer neuen Variationen das vordergründig Eindeutige gebrochen und neu zusammengesetzt wird. Der Text changiert dabei zwischen sachlichen und poetischen Passagen, wechselt die Perspektiven und wird immer wieder von der Autorin hinterfragt, bis das scheinbar Eindeutige sich vielfach gebrochen neu zusammensetzen lässt.

Ganz ähnlich ist das bei dem neuen Roman »Beweiskörper« von Susanna Hast (25.11., 18.30 Uhr), den die Edition Nautilus als einen »feministischen Genrehybrid zwischen Roman, Memoir und Essay« ankündigt. Bei dem preisgekrönten Debüt der finnischen Schriftstellerin wird das traumatische Erlebnis eines Mädchens zum Ausgangspunkt für die Rekonstruktion von Erinnerungen, deren Kontinuität durch das Trauma unterbrochen wurde. In einem Interview spricht die Autorin von einer »Architektur der Erinnerung« für einen Ort, »den man betreten und verlassen kann« und einer »Ermittlung in einem Fall von Amnesie«.

So wie bei Linn Ullmann und bei Susanna Hast erzählt auch der meisterhafte, mit dem renommierten Kritikerprisen ausgezeichnete neue Roman der dänischen Schriftstellerin Cecilie Lind (25.11., 19.30 Uhr) von einem Mädchen an der Schwelle zum Erwachsenwerden, nur dass hier mit dem Erwachen des weiblichen Körpers ein gnadenloses Wechselspiel zwischen Kontrolle, Begierde und Macht einsetzt. Was macht der männliche Blick aus dem erwachenden weiblichen Selbstverständnis? Das ist die Ausgangsfrage von »Mädchentier« (März Verlag). Der Roman erzählt in einer hochpoetischen und wunderbar frechen Sprache aus der Perspektive der 13-jährigen Sara von dem Versuch, die Regeln des Begehrens und Begehrtwerdens neu zu schreiben. »Meine Macht ist gewaltig und ewig«, sagt Sara von sich, als Opfer sieht sie sich keineswegs, sondern glaubt, sie könne stets die Kontrolle behalten und lange gelingt ihr das auch. Die Männer sind ihr nahezu hörig, die Freundinnen eifersüchtig, und doch endet ihre »Machtdemonstration« in der ernüchternden Gegenwart eines erwachsenen und an seiner Selbstdisziplin gescheiterten Mädchens, das immer nur als »Sehnsucht, Licht, Lust« von anderen gesehen wurde.

Damit sind hier nur drei der insgesamt zwölf Lesungen im Rahmen der Nordischen Literaturtage vorgestellt, zu Gast sind zudem Katja Kettu (25.11.), Kathrine Nedrejord, Pedro Gunnlaugur und Helle Helle (26.11.). Ein ganz besonderer Gesprächsabend (27.11.) findet zudem in der Hochschule für Bildende Künste statt. Dort treffen sich zu einer poetischen Landvermessung in der Nachfolge von Per Olov Enquist als »The New Cartographers« die Autor:innen Aris Fioretos, Berit Glanz, Mara Lee, Matthias Nawrat, Amanda Svensson und Deniz Utlu.

Nordische Literaturtage im Literaturhaus, Schwanenwik 38, täglich ab 18.30 Uhr, Tagesticket € 18,–/14,–, Streaming: € 6,–