Dienstag 01.09.2026
Fünf Festival-Tipps im Schnelldurchlauf
Herbstlese Blankenese
»Marmor, Quecksilber, Nebel« mit Judit Schalansky (05.09.)
Es geht um alles, auch wenn auf dem Umschlag nur »Marmor, Quecksilber, Nebel« (Suhrkamp) steht. Mit dem Untertitel »Woraus die Welt gemacht ist« gibt Judith Schalansky (05.09., Blankeneser Kirche am Markt) in ihrem neuen Buch dann die Fallhöhe für ihre Betrachtungen vor. In drei auf ihren 2025 gehaltenen Frankfurter Poetikvorlesungen basierenden Stationen erkundet die aktuelle Lessing-Preisträgerin der Stadt Hamburg in poetologischen Expeditionen zwischen Erzählung und Essay, Literatur und Theorie nicht weniger als die materiellen Bedingungen des Lebens im Kontext ihres Schreibens. Dabei geht es im besten Sinn tatsächlich um alles: den Nährwert von Marmorschweinen, das Gewicht der Erde, den Belegungsplan der Arche Noah, die Wahrhaftigkeit mexikanischen Wrestlings oder das Brockengespenst. Helmut Böttiger kommt in einer begeisterten Kritik für den Deutschlandfunk zu dem Schluss, dass Schalansky »sich damit nicht nur auf der Höhe der Zeit bewegt, sondern diese Höhe auf eine eigene schwindelerregende Weise definiert«.
»Eine deutsche Geschichte« mit Madame Nielsen (05.09.)
Die dänische Schriftstellerin und Performancekünstlerin Madame Nielsen (05.09., Gemeindehaus Blankenese) beschäftigt sich in ihrem autofiktionalen Roman »Das Zeitgeisterhaus. Eine deutsche Geschichte« (Alexander Verlag) dagegen mit einem überschaubaren, wenn auch immer wieder raumgreifenden Phänomen unserer Zeit. Ihre Geschichte geht lose auf einen realen Eklat an den Münchner Kammerspielen zurück, an denen die Künstlerin zu Gast war, um ihre Show auf die Bühne zu bringen. Was als vielversprechende Zusammenarbeit begann, entwickelte sich schnell zum Kulturkonflikt. Die prominente Künstlerin tut genau das, was man angeblich nicht tun darf, sie provoziert und verstört, und prompt meldet sich der gekränkte Zeitgeist zu Wort. Am Ende muss sie das Haus verlassen. Dennoch versucht die »Täterin« zu verstehen, wie es so weit kommen konnte, und was in diesem Land und in dieser Zeit eigentlich vor sich geht. Die Kontroverse, die sie in ihrem Roman durchspielt, ist beispielhaft, und wer könnte das besser als Madame Nielsen, bei der Provokation seit jeher als künstlerisches Mittel dient, um gesellschaftliche Normen aufzubrechen und zu hinterfragen.
»Jetzt beginnt das Leben« mit Alex Schulman (06.09.)
Einen großartigen Pageturner und Nr.-1-Bestseller in Schweden stellt Alex Schulman (06.09., Süllberg Hamburg, ElbSite) bei seinem Besuch in Blankenese vor. Der in Schweden sehr populäre Schriftsteller erzählt in seinem in einer deutschen Übersetzung von Hanna Granz neu erschienenen Roman »Jetzt beginnt das Leben« (DTV) von einer minutiösen Ermittlung, die der Lehrer Vidar unternimmt. Bei einer Prügelei von zwei Schülern geht er so gewaltvoll gegen einen der Schüler vor, dass er vom Schuldienst suspendiert wird und die Polizei gegen ihn ermittelt. Er selbst hat weder eine Erklärung für sein Verhalten noch kann er sich daran erinnern. Was ist passiert? Als er daraufhin zufällig zu Hause die Telefonnummer des alten Sommerhauses seiner Familie findet und dort anruft, meldet sich sein längst verstorbener Vater. Bald zeigt sich, dass Vidar am anderen Ende der Leitung immer den 17. Juni 1986 erreicht, einen Tag aus seinem Leben als Achtjähriger. Er hat nicht viele Erinnerungen an seine Kindheit, doch durch die Anrufe ploppen bald immer neue Sequenzen auf, und er beginnt eine minutiöse Recherche über alles, was sich an diesem Tag ereignete. Nur an eine »Grauzone« am Abend, in der sich ein »Albtraum« ereignet haben muss, kommt er nicht heran. Gleichzeitig gerät er durch sein auffälliges Verhalten immer weiter in die Bredouille und steht bald mit einem Bein im Gefängnis.
Es ist großes literarisches Kino, wie Alex Schulman ganz banale Ereignisse eines Sommertages zum Kosmos einer Kindheit verdichtet und dabei auf ganz unspektakuläre Weise in die verheerenden Abgründe eines Familiendramas blicken lässt, das sich als traumatische Erfahrung in ein Leben einträgt.
Ganz kurz sei hier noch auf Michael Köhlmeier (05.09., Blankeneser Kirche) hingewiesen, der mit seinem autobiografischen Roman »Mein privates Glück« zur Herbstlese kommt, und auf die norwegische Schriftstellerin Vigdis Hjorth (06.09., Süllberg Kristallsaal), die ihren neuen Roman »Der gute Mensch von Sandvika« zusammen mit ihrer Übersetzerin Gabriele Haefs vorstellen wird.
Hier das vollständige Programm und Tickets: Herbstlese Blankenese








