6 05.09.2026
Lange Nacht der Literatur
Drei Anfänge und ein flirrendes Ende
Miriam Carbe, Foto: Wolfgang Stahr
Es gibt unzählige Möglichkeiten, Worte und Sätze, mit denen ein Kapitel aufgeschlagen, eine Geschichte begonnen werden kann. Und doch müssen schon mit dem ersten Satz das Thema und der Klang angestimmt werden, es gilt, die Neugierde zu wecken und in eine eigene Welt hineinzuführen. Meisterhaft gelingt das Miriam Carbe (18.00 Uhr, Buchhandlung Christiansen) in ihrem Roman »Unerwünschte Töchter« (Hanser), der eine große Familiengeschichte erzählt, die über vier Frauengenerationen reicht. Mit dem ersten Satz wird ein Gegenstand eingeführt, der sie alle durch die Jahre begleitet: »Meine Urgroßmutter Margarethe ließ 1912 in Dresden bei einem Schreiner einen Schrank anfertigen.« Es ist ein Bücherschrank aus Kirschholz, »dunkel geölt«, mit »Kranzgesims« und zwei Flügeltüren, der obere Teil verglast. Er wurde an Marianne und schließlich an Monika weitergegeben, bis er im Arbeitszimmer von Miriam einen Platz fand, der Urenkelin von Margarethe. In einer kurzen Episode erzählt Miriam Carbe zum Auftakt ihres Romans, wie der Schrank durch die Jahrzehnte genutzt wurde und was sie selbst darin unterbrachte. Es sind die Tagebücher und Erinnerungsskizzen, die alle Frauen in ihrer Familie hinterlassen haben, die ältesten stammen aus dem Jahr 1908. Dieses Vermächtnis bildet die Grundlage des Romans und ist der Ausgangspunkt für die weiteren Erbstücke, die in diesem mitreißenden Familienroman weitergegeben werden, von der gemeinsamen Erfahrung, unerwünschte Töchter zu sein über gemeinsame Laster und Werte bis zum Schreiben.
Ein grandioser Erzähler ist auch der Booker-Preisträger Douglas Stuart (18.30 Uhr, Literaturhaus), der mit »Shuggie Bain« (2020) einen gefeierten Weltbestseller schrieb. Sein neuer Roman »John of John« (Hanser) ist im Frühjahr in einer deutschen Übersetzung von Sophie Zeitz erschienen, er spielt in den 1990er Jahren an einem wilden, wenig einladenden Ort, und das signalisiert er schon zum Auftakt: »Ihre Füße waren so lila wie Kalbsleber.« Mit diesem Eröffnungssatz, der die Füße seiner Großmutter Ella beschreibt und sich später als Lüge erweist, über die in dieser Familie ebenso geschwiegen wird wie über so vieles andere, gelingt es dem Tweed-Weber John MacLeod seinen Sohn John-Calum, den alle nur Cal nennen, aus Edinburgh wieder zurück auf die Äußeren Hebriden im Nordwesten Schottlands zu locken. Es dauert einen Moment, bis man bei der Lektüre begreift, warum Cal sich bei der Überfahrt auf die Isle of Harris eine Ecstasy-Pille einwirft, um weicher zu landen. Er ist 22 Jahre alt, hat eine Kunsthochschule besucht, aber »danach weder eine Arbeit noch eine Frau« gefunden, wie sein Vater anmerkt. Wie soll er sich mit seinen grell gefärbten Haaren und seiner Sehnsucht nach einem Mann als Partner in der streng calvinistischen Inselgemeinschaft, in der er groß geworden ist, jemals wieder zu Hause fühlen, Anerkennung und Geborgenheit finden?
»Wenn ich ehrlich bin, wäre ich ihr lieber niemals begegnet.« Das sagt die Erzählerin über »Michaela Kohlaas« (Suhrkamp), die titelgebende Hauptfigur im neuen Roman von Heike Geißler (18.30 Uhr, Buchladen in der Osterstraße). In einer formal brillanten Umsetzung kapert die in Leipzig lebende Schriftstellerin einen literarischen Großraum der Literatur und stellt dem brandschatzenden Rebellen aus Heinrich von Kleists berühmter Novelle eine Nachfahrin im 21. Jahrhundert an die Seite, die ebenfalls von ohnmächtiger Wut angetrieben wird. Ein einschneidendes Ereignis braucht es bei ihr jedoch nicht, um plötzlich in ein Leben neben der Spur auszusteigen. Die Anlässe sind »ganz selbstverständlich da«, sehr grundsätzlicher Natur und dem Horizont einer »beispielhaften Frau« in der Gesellschaft eingepreist, heißt es in dem Roman. Michaela Kohlhaas wirft alle Konventionen über Bord und beginnt eine sanfte Rebellion durch Gestank, radikale Verweigerung und unverschämte Offenheit. Ihre Nähe ist nicht auszuhalten, weil sie sich kaum noch wäscht. All das klingt in diesem »Buch der Stunde« (Denis Scheck) schon im ersten Satz an.
Ein sehr lesenswerter Roman aus der Hamburger Literatur ist schließlich auch »Einstein im Bade« von Daniel Mellem (19.00 Uhr, Schweitzer Fachinformationen – Buchhandlung im JohannisContor). Der promovierte Physiker lädt in das »Hotel Rastender Kranich« im beschaulichen Bad Nauheim, wo es im September 1920 bei einer Tagung der Gesellschaft Deutscher Naturforscher zu einer Debatte kommt, die in die Geschichte eingegangen ist: Albert Einstein verteidigte seine Allgemeine Relativitätstheorie gegen Angriffe des Physik-Nobelpreisträgers Philipp Lenard. In dem sehr unterhaltenden Roman nimmt sich Hoteldirektor Kleeberger vor, den Streit zwischen den Physikern zu schlichten – und verliert darüber nach und nach die Kontrolle über sein ehrwürdiges Haus. Wie die Sache für den »Rastenden Kranich« ausgeht, lässt der Roman in einem flirrenden Ende offen. Der Hoteldirektor kommt bei einem Spaziergang an einem Herbstmorgen zu der Einsicht, dass »unsere bewegte Gegenwart« unbeirrt voraneilt, so wie »die Vogelschwärme, die zu dieser Jahreszeit in wärmere Gefilde ziehen«, aber es für ihn vielleicht besser ist, einen Schritt zurückzutreten.
Das war nur ein kleiner Auszug aus dem Programm der Langen Nacht der Literatur. Zum Abschluss werden im Literaturhaus um 21.30 Uhr von der Behörde für Kultur und Medien die Hamburger Buchhandlungspreise 2026 vergeben – und danach wird gefeiert.
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