Donnerstag, 05.11.2020


Benjamin Maack erzählt von seiner Depression

Wenn das Ich plötzlich verloren geht

Benjamin Maack
Benjamin Maack, Foto: Heike Steinweg, Suhrkamp Verlag
Sein zuletzt erschienener Erzählband »Monster« (2012) wurde gleich mehrfach für seine »wirklich brillanten Geschichten« (WDR) ausgezeichnet, 2013 erhielt er beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt den 3sat-Preis für seinen Text »Wie man einen Käfer richtig fängt«, zuletzt wurde er 2016 mit dem Förderpreis zum Hermann-Hesse-Preis ausgezeichnet. Gleichzeitig kletterte Benjamin Maack als Journalist auf der Karriereleiter nach oben, bis er völlig unvermittelt gleich mehrere Gänge zurückschalten musste. Sein neues Buch »Wenn das noch geht, kann es nicht so schlimm sein« (Suhrkamp Verlag) erklärt, warum: Es ist das berührende Protokoll einer Depression, hoch poetisch und von stupender literarischer Raffinesse und Vielgestaltigkeit.

Am Anfang denkt er, dass er das jetzt eben »auch mal erlebt«: »Klinik, Medikamente, Therapie«, das übersetzt sich fast nahtlos in die Trias »erlebt, verstanden, überwunden«. So geht einem das bei diesem Buch auf den ersten Seiten auch als Leser. Man erfährt von einem irgendwie »interessanten Experiment« und davon, dass manches »noch ein ziemlicher Witz« war, man schmunzelt über dies und jenes und freut sich über das »Happy End«. Aber hey, war da nicht noch was? Richtig, es geht erst los.
Dieses Protokoll setzt sich aus »Zweihundertzwanzig« Einträgen zusammen, die ein ganzes Spektrum literarischer Formen durchspielen: Erzählung, Prosa-Miniatur, konkrete Poesie, Gedicht, Witz, Szenisches und mehr. Benjamin Maack hat versucht, sein Befinden stets in eine adäquate literarische Ausdrucksform zu übersetzen und so einen grandiosen Formenreigen geschaffen. In einem »Disclaimer« warnt er zwar davor, dass »am Ende nicht alles gut« wird, aber wann wird es das schon?
Völlig falsch liegt er, wenn er allen, die Geschichten mögen, empfiehlt, das Buch lieber wegzulegen, denn dieses Buch hat eine Geschichte: Es erzählt von einem, der sein Ich verliert und verzweifelt versucht, es zurückzugewinnen. Es erzählt von all den Medikamenten, die er deshalb einnimmt, aber auch von einer Eichhörnchenfamilie und Bienenstöcken, dem Versuch, Britney Spears abzupausen und dem Wunsch, sich selbst umzubringen, der ihm irgendwann »geradezu ranschmeißerisch poetisch« erscheint. Zum Glück überwiegen am Ende die lichteren Momente, und Benjamin Maack hat seine Notizen in eine Form bringen können, die sie über den Psychiatrie- und Krankenbericht und das persönliche Schicksal hinaus zu einem Ereignis machen. Sein Memoir ist ein Glanzlicht unter den Romanen und Erzählbänden, die das erschöpfte und handlungsunfähige Selbst in der Literatur thematisieren.

Buchhandlung Christiansen in der Christianskirche am Klopstockplatz in Ottensen, Tickets gibt es für € 10,– in der Buchhandlung Christiansen

LINKS

»Wenn das noch geht, kann es nicht so schlimm sein« - NDR Kultur-Hörspiel von Benjamin Maack

Suhrkamp Verlag


Lesung

»Im Exil«

Der Schauspieler Ben Becker präsentiert in einem Zyklus aus drei für sich stehenden Lesungen (05., 06., 07.11.) Auszüge aus den Werken von Joseph Roth. Der 1894 in Brody, einem Schtetl in Galizien, geborene Schriftsteller wurde in den 20er Jahren als Journalist für große deutschsprachige Zeitungen bekannt und erreichte bald auch ein begeistertes Publikum mit seinen Romanen, von denen mehrere in Tageszeitungen im Vorabdruck erschienen. Als Roths bedeutendster Roman gilt heute »Radetzkymarsch« (1932), den der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki zu den 20 wichtigsten Romanen in deutscher Sprache zählte. In den letzten Jahren wurden allerdings auch seine im Exil in Paris seit 1933 entstandenen Feuilletons (»Pariser Nächte«,und seine Reportagen und Berichte von seinen »Reisen in die Ukraine und nach Russland« (beide C.H. Beck) als Höhepunkte der Prosa des 20. Jahrhunderts gefeiert und erreichten ein großes Lesepublikum.

St. Pauli Theater, Spielbudenplatz 29-30, 19.30 Uhr, € 36,90 und € 41,90


Lesung

»Vermessene Zeit. Der Wecker, der Knast und ich«

Ingrid Strobl liest aus ihrem in der Edition Nautilus neu erschienenen Buch, in dem sie von ihrer Verurteilung wegen eines Sprengstoffanschlags der »Revolutionären Zellen« 1989 erzählt. Sie hatte den Wecker gekauft, der als Zeitzünder für den Anschlag auf ein Lufthansagebäude verwendet worden war. In ihrem Buch erzählt sie von ihren Hafterfahrungen, reflektiert aber auch ihre individuelle Verantwortung und fragt nach den Motiven und der Legitimation von Widerstand und Gewalt.

Buchladen Osterstraße, der Veranstaltungsort wird noch bekanntgegeben, 20.00 Uhr, € 7,–, Reservierungen an info@buchladen-osterstrasse.de


14. Hamburger Krimifestival

»Der Tote vom Elbhang«

Anke Küppers liest aus ihrem Krimidebüt

Kampnagel, Halle KMH, Jarrestr. 20, 18.00 Uhr, € 13,–, krimifestival-hamburg.de.de


14. Hamburger Krimifestival

»Ein Japaner in Hamburg und die Vorhölle von Friedberg«

Henrik Siebold liest aus seinem Krimi »Inspektor Takeda und das doppelte Spiel«, Rudolf Ruschel stellt seinen Krimi »Ruhet in Friedberg« vor.

Kampnagel, K1, Jarrestr. 20, 19.00 Uhr, € 16,–, krimifestival-hamburg.de


14. Hamburger Krimifestival

»Ohne Schuld«

Charlotte Link liest aus ihrem neuen Thriller.

Literaturhaus, Buchhandlung Heymann und Hamburger Abendblatt auf Kampnagel, K6, Jarrestr. 20, 20.00 Uhr, € 22,–, krimifestival-hamburg.de


Lesung

»Kafkas Amerika«


Vera Rosenbusch und Lutz Flörke präsentieren »ein literarisches Road-Movie aus dem Land der einst unbegrenzten Möglichkeiten« nach Franz Kafkas Roman »Der Verschollene«.

Kunstklinik, Martinistr. 44a, 19.00, € 13,–/11,–, Kartenreservierung unter Tel. 040–780 50 400 per E-Mail an karten@kunstklinik.hamburg.de