« Februar 2020»
MoDiMiDoFrSaSo
     12
3456789
10111213141516
17181920212223
242526272829 

Mittwoch, 26.02.2020


Lesung mit Leona Stahlmann

Das Spiel mit dem Schmerz

Leona Stahlmann
Leona Stahlmann, Foto: Simone Hawlisch
Ein Dorf im Schwarzwald, eingerahmt von Bergketten, Wald und Wiesen, im Talkessel die Häuser im Ortskern mit niedriger Tenne, ein Neubaugebiet, bisschen Tourismus, ein Wirtshaus, in dem Käsespätzle und Maultaschen serviert werden. Das ist die auf den ersten Blick beschauliche Idylle, in der Robert, Malene, Fabian, Miro, Mina, Vetko und Niklas aufgewachsen sind. In dem Jahr, bevor sie das Dorf verlassen und in die Städte gehen, geschieht nicht viel mehr als das Alltägliche und Vorhersehbare. Sie sind plötzlich erwachsen geworden und lernen die Liebe kennen, den Schmerz, auch Verzweiflung, Tod und ein Anderssein, für das es in ihrer Welt noch nicht einmal eine Sprache gibt. Leona Stahlmann hat sie für ihr so glänzend erzähltes wie hellsichtiges Debüt »Der Defekt« (Verlag Kein & Aber) gefunden.

Es gibt gleich mehrere Schubladen, in die sich dieses Romandebüt einordnen und damit eben auch wegsortieren lässt: Coming of Age, Heimat- und Liebesroman. Das trifft es alles irgendwie, denn die Hamburger Autorin Leona Stahlmann, die 2017 mit einem Förderpreis für Literatur in Hamburg ausgezeichnet wurde, erzählt von »den Rissen in unseren Begriffen von Heimat und Identität«, von »Mensch und Natur« und »von der Wucht, wenn sie in ihrer Rohheit aufeinandertreffen« (Verlagsankündigung), sie erzählt vom Erwachsenwerden und eine Liebesgeschichte. All das ist richtig. Viel entscheidender ist jedoch, was die Regie bei all dem führt, es ist der Schmerz, ein »sehr ordentliches Gefühl«, wie es in dem Roman heißt: »Es glättete Minas krumme Synapsen, die wild in ihr herumlagen wie verhedderte Kabel, es legte sie nebeneinander und zog sie gerade. Schmerz räumte in Mina auf, Schmerz richtete sie aus und bestimmte ihre Kartografie neu: Wo sie sich befand mit ihrem Kopf und in ihrem Körper, zeichnete der Schmerz hilfsbereit für sie ein, mit farbig leuchtenden Orientierungspunkten.« Der Einzelgänger Vetko beschert Mina diese »leuchtenden Minuten«, zuerst noch zögernd und unschuldig, doch bald testen sie gemeinsam die Grenzen ihres Spiels aus. Die Streifen, die auf Minas »Oberschenkeln glühten, wo vorher unversehrte Haut gewesen war«, sind dabei noch harmlos, sie muss sie nur vor neugierigen Blicken verstecken. Eine gefährliche Grenze überschreiten sie, als Vetko sie eines Nachts beim Schwimmen in einem See unter Wasser drückt. Während Vetkos Forderungen immer existenzieller werden, weiß Mina bald nicht mehr, wie weit sie noch gehen soll, wem sie sich anvertrauen kann, was richtig ist und falsch. Als Kind, erinnert sie sich, hat sie »immer auf Wunden gezeigt und sie Wunder genannt«. Aus dem Versprecher wird am Ende ein Versprechen, das ihr den Weg weist: »Solang sie verwundbar ist, wird um jede Wunde herum noch immer Ort und Wald und Herzschlag eines anderen sein und sie ein Teil davon.«

Literaturhaus, Schwanenwik 38, 19.30 Uhr, € 12,–/8,–


Lesung

»Die Nächte von Paris«

 Rétif de la Bretonne
Rétif de la Bretonne (1734 bis 1806), Foto: Porträt von Binet
Der Übersetzer und Herausgeber Reinhard Kaiser präsentiert die Erzählungen von Rétif de la Bretonne (1734 bis 1806), der bei Auxerre in der Bourgogne aufgewachsen ist, als Drucker und Autor nach Paris zog und Romane, Sozialutopien und vor allem ein Tagebuch verfasste, das in ganz Europa über die Ereignisse in Paris informierte.

Zwanzig Jahre lang hat Rétif de la Bretonne damit zugebracht, Paris als »nächtlicher Zuschauer« zu erkunden. 300 Seiten in 14 Bänden umfassen seine »Nächte von Paris« ursprünglich. Reinhard Kaiser hat eine Auswahl von etwas über 500 Seiten mit den lesenswertesten von Rétifs Erlebnissen und Begegnungen getroffen, es ist ein Schatz an Geschichten und Beobachtungen, denn Rétif ist auch beim Ausbruch der Revolution dabei. Von der Bastille kommt ihm eine Gruppe von Revolutionären mit den aufgespießten Köpfen des letzten Gouverneurs dieses Gefängnisses und des eben noch amtierenden Bürgermeisters von Paris entgegen. Die »legendäre Erkundung des vorrevolutionären Paris liest sich heute überraschend aktuell«, hieß es in der »FAZ«, und von einer »prall gefüllten Fundgrube« schwärmte der »Deutschlandfunk«.

Heine-Haus, Elbchaussee 31, 19.00 Uhr, € 10,–
Anmeldung unter info@heine-haus-hamburg.de


Lesung mit Frank Goosen

»Acht Tage die Woche«




Frank Goosen präsentiert sein neues Buch über die »Fab Four« aus Liverpool, deren leidenschaftlicher Fan er mit dreizehn Jahren wurde und die er bis heute obsessiv bewundert, obwohl seine Familie »knietief im deutschen Schlager steckte«, wie er schreibt. Immerhin hat er seine Leidenschaft für die Beatles aber auch seinem Vater zu verdanken. Mit den Worten »Gib mir kein Geld, gib mir lieber ein paar Platten für meinen Jungen!« ließ Goosen Senior sich Ende der Siebziger von einem Elektrohändler für ein paar nach Feierabend angeschlossene Steckdosen mit Beatles-Scheiben bezahlen. In seinem Buch erzählt Goosen Junior nun nicht nur, dass er daraufhin beschloss, in Englisch besser zu werden, weil er die Texte richtig verstehen wollte, sondern führt uns auf den Spuren der Beatles auch durch seine Kindheit und Jugend im Ruhrgebiet und an Originalschauplätze in Liverpool: kenntnisreich, persönlich und witzig.

Fabrik, Barner Str. 36, 20.00 Uhr, € 20,80 (VVK)


Philosophieren für Kinder

»Gedankenflieger«

»Was ist wirklich wahr?« Im Rahmen der Reihe philosophiert Ina Schmidt mit Kindern ab 6 Jahren über Wirklichkeit und Wahrheit.

Literaturhaus, Schwanenwik 38, 9.00 Uhr und 11.00 Uhr, € 90,– pro Schulklasse. Anmeldung unter gedankenflieger(at)literaturhaus-hamburg.de erforderlich.


Poetry Slam

Diary Slam

»Seelenpein« und »Hochgefühle«, »Liebesschwüre« und »Selbstmordgedanken« von »wildfremden Menschen«, all das und noch viel mehr steht auf dem Programm des Tagebuch-Slams.

Grüner Jäger, Neuer Pferdemarkt 36, 20.30 Uhr, € 5,–. Wer selber auf die Bühne möchte, meldet sich hier: mail(at)diaryslam.de