Dienstag, 06.10.2020


Lesung mit Ilja Leonard Pfeijffer

Nilpferde zählen

Ilja Leonard Pfeijffer
Ilja Leonard Pfeijffer, Foto: Mark Brester
Monatelang führte Ilja Leonard Pfeijffer mit »Grand Hotel Europa« in den Niederlanden die Bestsellerlisten an, das Buch wurde »Roman des Jahres« und in Kritiken euphorisch als Meisterwerk gefeiert. Eine »mitreißende Liebeserklärung eines selbstironischen, philosophierenden Europäers« verspricht uns der Piper Verlag mit der deutschen Übersetzung von Ira Wilhelm. Gleichzeitig ist dieser Roman aber auch die ungenierte Selbstinszenierung eines Autors als Genius loci mit einem grandios nostalgisch verwehten Blick auf Europa und die Welt.

Der Erzähler, »Herr Leonard Pfeijffer«, ein niederländischer Schriftsteller, hat seine große Liebe verloren. In einem seltsam altertümelnden Hotel, dem »Grand Hotel Europa«, in dem nur wenige Stammgäste residieren, will er »eine Weile nachdenken, wie man das im Volksmund nennt« und kommt darüber ausschweifend ins Erzählen. Kennengelernt hat er die Kunstwissenschaftlerin Clio in Genua, sie ist nicht nur eine Schönheit, sondern auch launisch und unzufrieden mit ihrem Job in einem Genueser Auktionshaus. Als Clio einen neuen Job in der Accademia in Venedig bekommt, ziehen sie gemeinsam in ein Appartement in der Lagunenstadt, die sich, wie Pfeijffer findet, mit all ihren Touristen »gerade in einen Mythos verwandelt«.
Was liegt da näher, als ein Buch über den Tourismus zu schreiben und über die Verwüstungen, die er weltweit und besonders in Europa anrichtet. Zusammen mit einem Dokumentarfilm-Team soll gleichzeitig auch noch eine Dokumentation entstehen. Tagelang zieht Pfeijffer, begleitet von dem Kameramann Théophile Zoff, mit einer Lochkamera durch Venedig. Wenn Zoff eine seiner verfremdenden Aufnahmen mit der historischen Kamera macht, ruft er »Hippopotame«, um so die Belichtungszeit zu ermitteln: »Jedes Nilpferd ist eine Sekunde«.
Von den skurrilen touristischen Erlebnissen schwenkt der Erzähler immer wieder zurück in sein »Grand Hotel Europa« und zu seinen Gästen. Als sie erfahren, dass ihr Hotel »in chinesische Hände« gefallen ist, die es »in altem Glanz erstrahlen« lassen wollen, ist nur Pfeijffer nicht überrascht.
Für ihn stammt es aus der Vergangenheit und hat wie so vieles in Europa eine Patina angesetzt, die nur Europäern wertvoll erscheint. Für den neuen Hotelier Wang ist das »Rost«, er scheut Veränderung so wenig wie Clio, die einen neuen Job findet, und für Pfeijffer bald nur noch in seiner Geschichte existiert. Für eine Wiederbegegnung muss er nicht nur »Europa zu Grabe tragen«, sondern auch ein Gemälde finden und sich schließlich auf den Weg in die Wüste machen.
Vor allem diese höchst unterhaltsamen Wendungen des Romans machen Spaß, denn durch sie wird die sprachliche Patina des Romans heruntergeregelt, und der überbordende Sound von »Good Old Europe« verliert sich in der Atemlosigkeit ganz gegenwärtiger Ereignisse.

Literaturhaus, Schwanenwik 38, 19.30 Uhr, € 14,–/10,–, an tickets@literaturhaus-hamburg.de