Sonntag 19.05.2019


Lesung mit Ferdinand von Schirach

Die Form ist zu wahren

Ferdinand von Schirach
Ferdinand von Schirach, Foto: Niko Schmid Brugk
Terror, Tabu, Schuld, Strafe, Verbrechen. Das ist der Tenor der bisherigen Bücher von Ferdinand von Schirach. »Ich schreibe über Strafverfahren«, erklärte er in seinem vor zehn Jahren erschienenen und mit dem Kleist-Preis ausgezeichneten Debüt »Verbrechen«, ich habe in mehr als siebenhundert verteidigt. Aber eigentlich schreibe ich über den Menschen, über sein Scheitern, seine Schuld und seine Großartigkeit.« Ferdinand von Schirach wurde damit weltberühmt, seine Bücher sind millionenfach verkaufte, internationale Besteller. Was ihm beim Schreiben tatsächlich hilft, hat er in einem Interview kürzlich gesagt, seien »Kaffee und Zigaretten«. So heißt auch sein neues Buch, in dem der Jurist und Schriftsteller zum ersten Mal auch aus seinem eigenen Leben erzählt.

Unkompliziert und leicht sind die achtundvierzig meist kurzen Texte dieses Erzählbandes auf den ersten Blick allesamt. In achtundvierzig Stationen aus Notizen, Beobachtungen, Glossen, Erzählungen und Feuilletons begegnen wir von Schirach in einem Gespräch mit einer Anwältin aus Kiew auf dem Potsdamer Platz, im Strafgericht Moabit, wo sein Mandant gegen das Rauchverbot verstößt und als jungem Mann in einem Kino in London, in dem er zufällig zusammen mit Mick Jagger »Jäger des verlorenen Schatzes« sieht. Zum Auftakt des Bandes erzählt er eine Episode aus seiner Kindheit, von den Jahren im Jesuiteninternat, dem frühen Tod des Vaters und einem darauf folgenden Selbstmordversuch.

In den meisten seiner Geschichten sei er selbst nur der Beobachter, hat Ferdinand von Schirach in einem Interview für das »ZEIT-Magazin« erklärt: »Ich finde mich nicht interessant genug, um dauernd über mich zu schreiben.« Tatsächlich sind es immer wieder existenziell prägende Situationen, von denen er erzählt, auch wenn es um eine Lesung in Jena geht, um eine Geschäftsreise nach Jordanien, eine Talkshow zur besten Sendezeit. Mitverhandelt werden in den kurzen Episoden stets auch seine Lebensthemen – die Idee des Rechts, die Würde des Menschen und die Errungenschaften der Aufklärung, angereichert sind sie mit Aperçus über die Flüchtigkeit des Glücks und andere Weisheiten aus dem Fundus exemplifizierbarer Erkenntnisse über das Leben an und für sich.

Besonders starke Stücke gelingen Ferdinand von Schirach vor allem in den kurzen und sprachlich kargen Anekdoten des Bandes. Auf nur zwei Seiten erzählt er von einer Begegnung mit dem ungarischen Literaturnobelpreisträger und Auschwitz-Überlebenden Imre Kertész, der eine Wohnung im Haus über seiner Kanzlei hatte. Als er eines Abends unangemeldet bei Kertész klingelte, war der Tisch festlich für zwei Personen gedeckt. Auf die Frage, ob er noch jemanden erwarte, antwortete Kertész, dass er das jeden Abend so mache, schließlich dürfe man sich »doch nicht auch noch gehen lassen«. Ferdinand von Schirach zieht daraus den Schluss: »Sich selbst zu lieben, das ist zu viel verlangt. Aber die Form ist zu wahren, es ist unser letzter Halt.« Vor allem dann, darf man hier ergänzen, wenn man die Tür etwas aufmacht und einen intimen Einblick in die eigenen melancholisch-heiter möblierten Gedanken- und Lebensräume gewährt.

Laeiszhalle, Johannes-Brahms-Platz, 20.00 Uhr, ab € 19,10