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Donnerstag, 07.03.2019


Lesung mit Takis Würger

»Mein lieber Scholli«

Takis Würger
Takis Würger, Foto: Sven Döring

»Das Unerzählbare zu erzählen«, lässt sich auf einem Prospekt des Hanser Verlags und auch auf dem Cover Daniel Kehlmann zitieren, wäre das »aberwitzige« Unterfangen, das sich Takis Würger mit seinem Roman »Stella« vorgenommen habe. Er erklärt damit, warum er dieses Buch »mit Spannung und Erschrecken« und schließlich »mit Bewunderung« gelesen hat. Und er formuliert damit die Aufgabe, an der Würger von der Literaturkritik gemessen wurde und krachend gescheitert ist, wie die vielen Verrisse, vor allem in den großen Feuilletons nahelegen. Das Urteil lautet fast einhellig auf Holocaust-Kitsch. Doch es gibt auch Gegenstimmen: »Stella« wurde »NDR Buch des Monats«, ist ein vielgelesener Besteller und hat eine wichtige Literaturdebatte ausgelöst. Im Fokus steht die Frage, wie die Literatur in einer Zeit, in der es kaum noch Zeitzeugen gibt, über Schuld und Verstrickung in die Schoah, über Opfer und Täter, über Vertreibung, Vernichtung und Verrat erzählen kann – und wie besser nicht.

Es beginnt mit einem Vorspiel über die ersten 20 Lebensjahre des 1922 geborenen Erzählers Friedrich. Und um es vorwegzunehmen, für diese 35 Seiten lohnt sich die Lektüre von »Stella«, hier gelingt Takis Würger eine sensible Erzählung über die Verfinsterung einer Kindheit und Jugend in einer unheilvollen Zeit. Friedrich lebt in äußerst wohlhabenden Verhältnissen in der Nähe von Genf, er ist ein naiver Junge, dem seine Ehrlichkeit und Offenheit zum Verhängnis wird. Nach einer groben Misshandlung leidet er an Farbenblindheit, seine Mutter, eine Malerin, kann daraufhin keine Nähe mehr zu ihm zulassen, und sein Vater, ein Unternehmer, ist nicht oft zu Hause. Nach und nach ziehen in den kommenden 20 Jahren in dem Anwesen in den Bergen die politischen und gesellschaftlichen Verwerfungen der Zeit ein. Friedrichs Mutter verwandelt sich in eine stramme Nationalsozialistin und Antisemitin, die ihre jüdische Köchin entlassen will, die Ehe der Eltern scheitert an politischen Differenzen und im Stall kursieren unter den Burschen Gerüchte über Gräueltaten im nationalsozialistischen Berlin. Mit der Begründung, dass jemand »die Gerüchte von der Wirklichkeit trennen« muss, zieht es schließlich ausgerechnet den traumatisierten Friedrich nach Berlin.

Schon in diesem Auftakt des Romans hat Würger den Handlungsablauf durch zeitgeschichtlichen Kolorit aufgepeppt. In ein oder zwei Sätzen, die sich dynamisch in die Erzählung einfügen, werden Nachrichten über das Zeitgeschehen eingestreut. Der sich anschließende Reigen des Jahres 1942 zitiert dann von Januar bis Dezember jeweils auf einer ganzen Seite stichwortartig Zeitgeschichte. Da erfährt man von einer Anzeige, in der es heißt »Vollkornbrot ist besser und gesünder«, dass in den USA Cassius Marcellus Clay Junior geboren wurde und »Adolf Eichmann« protokolliert hat, »wie die Juden aus Europa getötet werden sollen«. Zu der spannenden Liebesgeschichte zwischen Stella, die davon träumt Sängerin zu werden, und Friedrich, die im Zentrum des Romangeschehens steht, trägt all das als erweiterter, zeitgeschichtlicher Horizont bei, aber man fragt sich bald, warum man es mitlesen soll. Auch eingestreute Zitate aus Gerichtsakten über »Fälle« von in Berlin denunzierten, verhafteten und ermordeten jüdischen Frauen, Männern und Kindern bleiben unverortet. Sie dienen lediglich als reißerische Botschaften über Stella, die blond und blauäugig im Bett der Suite des Luxushotels liegt, in dem Friedrich sich eingemietet hat, und Schampus trinkend »mein lieber Scholli« sagt.

Von Stella erfährt der naive Friedrich schon bald, dass sie Jüdin ist und von der Gestapo verfolgt und erpresst wird. Friedrich versucht, ihr zu helfen, bis er am Ende begreift, dass seine lebenshungrige Geliebte eine tief gespaltene Persönlichkeit ist, die als Greiferin im Ledermantel durch die Stadt zieht und Juden denunziert. »Es gibt Schuld«, »Verrat ist ein großes Wort« und »das Leben formt uns zu Lügnern«, das sind Beispiele aus der Phrasendreschmaschine, die der Autor mit seinem Erzähler anwirft, bevor Friedrich wieder in die Schweizer Berge verschwindet. Die Leser*innen haben es dann nicht so einfach, auf sie wartet noch der Epilog über die reale Stella Goldschlag, die in Berlin Hunderte in den Tod schickte. Ihre »einzigste Schuld« wollte sie später darin sehen, dass sie sich »als Jüdin in einen Außendienst der Gestapo« hatte stellen lassen. Von dieser Stella Goldschlag hat man in dem Roman nicht viel erfahren. Takis Würger entgegnet auf diesen Einwand, er hätte nur »eine tragische Liebesgeschichte während der NS-Zeit« erzählen wollen. Und bestätigt damit den Vorwurf der Kritik: Holocaust-Kitsch.

Lesesaal - Buchhandlung & Café in der Zentralbibliothek der Hamburger Öffentlichen Bücherhallen, Hühneposten 1, Großer Veranstaltungsraum , 20.00 Uhr, € 14,–


Literatur und Musik

»Lyrik mit Gänsefüßchen«

Volker Maaßen liest »Komische Gedichte«, musikalisch begleitet von Heike Vajen und Jürgen Preuss mit Akkordeon, Gitarre und Gesang.

Komm Du – Kulturcafé Harburg, Buxtehuder Str. 13, 20.00 Uhr, Eintritt frei, Hutspende erbeten.


Lesung

»Neue Bücher Hamburger Autoren«

Lutz Flörke liest aus seinem Romandebüt »Das Ilona-Projekt« (duotincta), Sven J. Olsson liest aus seinem Roman-Manuskript »Nackt«.
Moderation: Alexander Häusser.

Literaturzentrum im Literaturhaus, Schwanenwik 38, 19.30 Uhr, € 7,–/5,–